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Konsum : Hinein in den Konsumverein! ; Konsum-Genossenschaft und GEG in Mannheim

by Rhein-Neckar-Industriekultur e.V.;

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Rezension    (2013-08-31)

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by SPDmarket

Hinein in den Konsumverein! Konsum-Genossenschaft und GEG in Mannheim, hrsg. vom Rhein-Neckar-Industriekultur e.V., Mannheim 2013

Rezension von Ralf Seidler

 

Eigentlich schreit die heutige Zeit nach einer Renaissance der Konsumvereinbewegung, nachdem diese durch allgemeine Unübersichtlichkeit, bedingt durch Wirtschaftskonzentration und eine fehlverstandene Angebotspolitik Keynes in den siebziger Jahre, aber auch durch staatlich reguliertes Wirtschaften in der DDR, wo man zum Einkaufen in den "Konn'summ" ging, pervertiert wurde. Wie es so ist: Eine schlechte Erfahrung überdeckt leider psychologisch oftmals die positiven Seiten einer an sich guten Idee und erfolgreichen Struktur.

 

Neben der großen Ausstellung des Mannheimer Technoseums  "Durch die Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 bis 2013" (02.02.-25.08.2013) präsentierte der Verein Rhein-Neckar-Industriekultur eine kleine sehenswerte Ausstellung zur Entwicklung der Konsumvereine, zu der auch der thematisch erweiterte Ausstellungskatalog  "Hinein in den Konsumverein!" erschienen ist. Ausstellung und Katalog erinnern an eine mittlerweile über 200 Jahre alte Bewegung, die im Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit in Westdeutschland unterging und heute im Zuge der Finanz-, Wirtschafts- und Ökokrise wieder ein mögliches Modell des eigenverantwortlichen Handelns wäre und eine Alternative zum heutigen "Containern" bieten könnte.

 

Basis des Konsumvereingedankens ist die Bereitstellung qualitativ hochwertiger Nahrungsmittel bei gleichzeitig günstiger Preisgestaltung. Jahrhundertelang gab es Qualitätsmängel im Einzelhandel. Aufgrund der arbeitsteiligen Strukturen im Zuge der Industrialisierung konnte die zunehmend verarmende Bevölkerung des 18. und 19. Jahrhunderts immer seltener eigene Nahrung produzieren. In den Industriestädten hatte dazu das wachsende Proletariat aufgrund seiner dortigen Entrechtung durch die Einführung der Gewerbefreiheit keine Möglichkeiten. Gestreckte und verunreinigte Lebensmittel führten nicht selten zu Krankheit und Tod. Das im Jahre 1887 erschienene 1000-seitige Lexikon der Verfälschungen und Verunreinigungen der Nahrungs- und Genussmittel des Chemikers Otto Dammer listet eindrucksvoll die gängigen zeitgenössischen Praktiken auf und deutet damit an, dass jede Zeit ihre nahrungsmitteltechnisch kriminellen Erfindungen zur Profitsteigerung hat (S. 21). Dieser lebensbedrohliche Missstand führte zur Gründung der ersten Konsumvereine. Das Eigenwirtschaften war die Prämisse dieser Wirtschaftsmethodik. Außerdem sollte die Bargeldbewirtschaftung den Einzelnen den richtigen Umgang mit Geld lehren helfen, war es doch zuvor Usus gewesen, den Kauf einer Ware durch einen Kredit anschreiben zu lassen und den Konsumenten so immer wieder in die "Schuld" zu treiben.

 

Erklärtes Ziel wurde nun das Handeln in Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung - die Grundsätze aller genossenschaftlicher Aktivitäten. Veit Lennartz vom Verein Rhein-Neckar-Industriekultur e.V. macht im Vorwort auf die Bedeutung der Regenbogenfarben aufmerksam, die sich der Internationale Genossenschaftsbund (ICA) mindestens seit 1925 im wahrsten Sinne des Wortes auf die Fahnen geschrieben hat. Die Regenbogenfarben haben eine lange sozialpolitische Tradition und symbolisieren bis heute politische Befreiungskämpfe: von den Anhängern Thomas Müntzers in den Bauernkriegen über die "PACE"-Fahne der Friedensbewegung bis zur Schwulen-Bewegung der neueren Zeit.

 

Das gut lesbare Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg. Unter Leitung von Frau Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern haben acht Studierende in akribischer Recherchearbeit den Ursprüngen genossenschaftlicher Organisation und der Entwicklung der Konsumvereine nachgespürt. Es entstand ein beeindruckendes Konvolut, das methodisch Interviews mit Zeitzeugen, historische Analyse und allgemeine Deskriptionen verarbeitete. Im Fokus steht die Mannheimer Entwicklung. Aber auch Hamburger Einflüsse und Verbindungen zeigen den reichsweiten sowie internationalen Zusammenhang der Bewegung, die um 1900 ihren Niederschlag in der Gründung zahlreicher  eGmbH (eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung) fand und von der ca. 10 Prozent der Bevölkerung betroffen waren.

Hatten schon 1769 im schottischen Fenwick einige Weber als industrielle Pioniere einen Konsumverein mit eigener Mühle und Bäckerei gegründet, kam es 1866 in Mannheim zur ersten Gründung eines mitgliederhaftenden Konsumvereins, der neun Jahre später 1875 aber schon wieder aufgelöst werden musste, weil der Markt dazu fehlte und seine Aktivitäten aufgrund der damals gesetzlich gültigen Haftungsregelung überambitioniert waren. Im Jahre 1900 waren die Bedingungen günstiger und der zweite Mannheimer Konsumverein konnte seine Geschäftstätigkeit aufnehmen. Sowohl der  bürgerliche Konsumverein von 1866, dem die Sozialdemokratie aufgrund ihres damaligen sozialrevolutionären Charakters, aber auch die kaufmännischen Mitbewerber misstrauisch gegenüber standen, als auch der nunmehr sozialdemokratische Konsumverein von 1900 verfolgten keine politischen Ziele. 1906 akzeptierte die SPD auf ihrem Mannheimer Reichsparteitag die zivilgesellschaftlichen Organisationen der Arbeiterbewegung nach den Gewerkschaften als drittes Standbein der Arbeiterkultur. Der reformorientierte Teil der Sozialdemokratie hatte sich nach dem Tod von Karl Marx durchgesetzt. Dennoch traf die Vereinsarbeit auf erheblichen wirtschaftspolitischen Widerstand und es gab nicht wenige Intrigen, ihre Wirkungskraft zu unterminieren, wie entsprechende Bemühungen der Mannheimer Einzelhändler in der badischen Hauptstadt Karlsruhe bewiesen.

 

Das mit der Industrialisierung einhergehende Aufblühen der Konsumvereinbewegung hat gerade in Mannheim tiefe Spuren hinterlassen. Die Entwicklungszusammenhänge, innerhalb derer der beeindruckende Industriebau im Mannheimer Industriehafen für die Großeinkaufsgesellschaft der Konsumvereine entstanden ist, werden in dem Buch chronologisch überschaubar zusammengestellt. Die riesige für Produktionszwecke im Stil des Expressionismus errichtete konsumgenossenschaftliche Burg in Mannheim zeigt einprägsam die architektonische Herleitung von den Bauten des Hamburger Oberbaudirektors Fritz Schumacher. Der Zentralverband deutscher Konsumvereine mit Sitz in Hamburg förderte verstärkt den Erfahrungsaustausch seiner Mitglieder. Hierzu gehörten auch gemeinsame Reisen Mannheimer und Hamburger Genossenschaftsfunktionäre nach England, wie ein Foto in der Ausstellung im Technoseum sehr schön zeigte.

 

Anders als z.B. in Schweden, Estland, Ostdeutschland, Italien (Südtirol), Österreich oder der Schweiz unterlagen die Konsumvereine in Westdeutschland in den sechziger Jahren dem Wettbewerb mit den Lebensmitteldiscountern. Die Gründe hierfür sind zahlreich: Gier einzelner Führungskräfte innerhalb der Konsumgenossenschaften; Anonymisierung und Unübersichtlichkeit der entstandenen Konzernstrukturen; Entwertung der emotionalen Stärke der Konsumvereinbewegung; Ersetzen des Ehrenamtes durch Ökonomisierung; Aldisierung der wirtschaftlich interessanten Marktsegmente; gesetzliche Beschränkung der Rückvergütung auf 3 Prozent. Der saarländische Sonderweg von 1945 bis 1955 ermöglichte der dortigen ASKO beispielsweise eine Rückvergütung von über 7 Prozent und knüpfte dabei an die vornationalsozialistischen Zeiten an.

 

Handelt es sich aber bei den Konsumvereinen dennoch eventuell um ein zukunftsfähiges Modell? Die Liste heutiger Skandale in der Lebensmittelherstellung ist lang: Gentechnik; Ökonomisierung des Pflanzen- und Tierlebens durch Patentierung; fehlende artgerechte Ernährung von Tieren; Steigerung des Gewichtes durch Wasserzusatz bei tierischen Produkten - auch Fischen - im Verkauf; Manipulation von Inhaltsstoffen bei Fertigprodukten; Phosphatverschwendung; Verkauf von Produkten, die das Verfallsdatum überschritten haben wie z.B. Gammelfleisch; fehlgeleitete Schädlingsbekämpfung in der Nahrungsmittelproduktion; Unübersichtlichkeit durch Globalisierung der Nahrungsmittelproduktion; Trinkwasserverseuchung. Hinzu kommt die Ökonomisierung der Bargeldwirtschaft mit einhergehendem Kontrollverlust durch Unübersichtlichkeit für die Bevölkerung. Während also direkte chemische Manipulation von Lebensmitteln den Ursprung für die Konsumvereinbewegung begründete, sind heute Kenntnisse der "Wissens"gesellschaft für eine Abkehr der Nahrungsmittelproduktion und -distribution von den entstandenen Konzern- und Technologiestrukturen gefragt: Welche Auswirkungen hat es beispielsweise, wenn ein Produkt zunächst entvitaminisiert und dann revitaminisiert wird? Ähnliches gilt für die Frage der Minerale. Wer klärt über die mineralische Bodenverarmung auf? Wer klärt über die Trinkwasserverschmutzung durch die Landwirtschaft sowie normale Abwässer auf, die eben nicht mit Hilfe von Kohle etwaige Medikamentenausscheidungen beim Menschen herausfiltern können. Die Düngemittelproduktion verursacht die Verbreitung von Kadmium und Uran in den Böden. Von den Nitraten ganz zu schweigen. Wer klärt über die synthetische Hormonwirkung von Zusatzstoffen in Plastikbehältern auf?  Der Verband der Lebensmittelkontrolleure beklagt schon seit langem die extreme personelle Unterbesetzung bei den Lebensmittelämtern. Dabei decken diese ohnehin nur den "offiziellen" Teil des Lebensmittelschutzes ab. 

Wer also einen Konsumverein gründen möchte, bekommt mit dem Buch einen hilfreichen Leitfaden an die Hand. Er kann Großes bewirken: Laut dem Vorsitzenden der SPD Sigmar Gabriel war die Mutter Willy Brandts Verkäuferin in einem Konsumvereingeschäft.

 

Das 123 Seiten umfassende Buch kostet 10 Euro und ist über buchvertrieb@rhein-neckar-industriekultur.de ( www.rhein-neckar-industriekultur.de ) erhältlich.




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